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Die ewige Gegenwart

Swami KriyanandaAus „Versprechen der Unsterblichkeit” von Swami Kriyananda

Göttliche Erfahrungen sind jenseits von Raum und Zeit. Scheinbar entfernt, zumindest zeitlich, ist ihre Wahrheit immer präsent unter der ruhelosen Oberfläche des Lebens. Paramhansa Yogananda pflegte zu sagen, dass Zeit wie ein Film ist. Er kann durch den Vorführer rückwärts oder vorwärts gespult werden. Das Zeitgefühl des Vorführers ist jedoch losgelöst von den Episoden des Films. Dieser Vergleich hinkt natürlich, wie es Vergleiche immer tun. Denn wenn wir uns Gott als den Vorführer vorstellen, dann vergeht für Ihn die Zeit nicht, während der Film läuft. In Gott existiert keine Zeit, es gibt nur das Jetzt. Auch Raum existiert nicht, es gibt nur das Hier.

Wenn diese Wahrheiten auch abstrakt scheinen, gewinnen sie praktischen Nutzen, wenn uns klar wird, dass wir, Gott suchend, uns über das Bewusstsein von Raum und Zeit erheben müssen. Es besteht keine Notwendigkeit hierhin oder dorthin zu reisen - um diesen besonderen Heiligen oder jenen heiligen Schrein zu besuchen - um Gott zu erkennen. Falls Zeit notwendig ist, um Ihn zu erkennen, dann nur deshalb, weil wir unter der Hypnose der Zeit leben. Wenn wir es für wichtig halten, einen Heiligen zu besuchen, dann nur weil wir nicht erkennen, dass der Heilige, sofern er wirklich ein Meister ist, schon jetzt bewusst bei uns ist. Wie ein Heiliger im modernen Indien auf eine Einladung aus Amerika antwortete: “Ich bin bereits dort!” Damit soll der bestehende Wert einer Pilgerfahrt, besonders zu lebenden Heiligen, nicht gemindert werden, oder die Notwendigkeit geduldig auf die göttliche Antwort auf ein Gebet zu warten. Der Punkt wird hier nur angesprochen, um Lesern zu helfen, mental die Täuschung zu überwinden, dass in der Entfernung oder in der Zukunft etwas Neues auf sie wartet. Alles was wir mit vereinter Konzentration und Liebe tun müssen, ist den Dunst der Täuschung wegzublasen, der unsere Wahrnehmung der Realität vernebelt.

Für unseren menschlichen Geist erscheint die Zeit schlichtweg eine Tatsache zu sein. So muss für uns Zeit verstreichen, damit sich unser Bewußtsein ändern kann. In unserer Liebe zu Gott jedoch - und es gibt keinen anderen Weg Ihn zu erkennen als durch Liebe - sollten wir uns immer wieder sagen: “Er ist bereits bei mir!” Nie können wir, nicht einmal geringfügig, Ihm näher sein als wir es in diesem Mo- ment sind. Er ist unser eigenstes Ich.

So sollten wir, wenn wir mit Schwierigkeiten konfrontiert sind, und uns seelisch heruntergezogen fühlen, standhaft daran erinnern, dass dieses Leiden nicht für immer anhalten kann, auch wenn es sich in diesem Moment als ewig anfühlt.

Ein Mann fuhr einmal mit dem Auto zum Skifahren. Als er auf schneebedeckter Fahrbahn bremste, war ihm nicht klar, dass seine Reifen kein Profil mehr hatten. Das Auto rutschte auf einer Eisfläche und rammte die Seite eines Busses. Obwohl am Bus kaum ein Kratzer war, hatte sein Auto einen Totalschaden. Der Mann stieg in den Bus, da er seine Fahrt in den Schnee fortsetzen wollte. Dabei rief ein Passagier mitleidig aus: “Wie schade! Sie haben Ihr Auto ruiniert!” Der Mann, in seiner unverhafteten Art, betrachtete hingegen den Zwischenfall einfach als ein abstraktes Ereignis, um das er sich natürlich kümmern müsse, jedoch nicht sofort. Überrascht über die Erregung in der Bemerkung des Passagiers antwortet er mit einem Lächeln: ”Wie auch immer, nach einer Woche wäre ich doch wieder glücklich. Warum sollte ich Zeit vergeuden, mich zu bemitleiden? Ich bin jetzt glücklich!“

Weisheit hilft die auf- und absteigenden Wellen von Erfolg und Enttäuschung, Sieg und Niederlage, Vergnügen und Schmerz auszugleichen. Denn mit der Weisheit kommt die Erkenntnis, dass jedem Rückschlag das ihr innewohnende Gegenteil folgt, so wie die Nacht dem Tage folgt. Wenn Vergnügen in dir aufsteigt, sage dir entschlossen: “Es wird nicht andauern. Ich weigere mich, mein Glück von äußeren Dingen abhängig zu machen.” Warum solltest du ein Sklave der Umstände sein? Genauso, wenn Sorgen deinen Weg kreuzen, sage dir: “Diese Unannehmlichkeit ist vorübergehend. Letztendlich wird sie zu ihrer entgegengesetzten Befriedigung führen.

Das bedeutet nicht, dass man ohne Freude leben sollte, oder unberührt von Leiden und den scheinbaren Ungerechtigkeiten des Lebens. Freude sollte jedoch nach innen gerichtet werden, zu ihrer Quelle im Selbst. So kann Vergnügen tatsächlich die innere Freude nähren. Falls man jedoch andererseits dem äußeren Vergnügen nachgibt, wird die Freude daran immer weiter verblassen, da die ihr zugrunde liegende Energie von der Quelle weggeleitet wird. Glück ist eine Projektion von innen auf die Dinge, von denen wir denken, dass wir sie genießen. So wie Licht mit zunehmender Distanz schwächer wird, so geschieht dies auch mit Freude, wenn sie nach außen, weg vom Selbst gerichtet ist.

Sowohl Glück als auch Leid sollten nach innen gerichtet werden - nicht zum Ego sondern hin zur Wahrnehmung der Seele. Dort nähren sie die Quelle der inneren Freude indem sie uns erinnern, wie vergänglich alle Gefühlszustände sind …

Sobald sich die gegensätzlichen Zustände von Schmerz und Vergnügen in das zeitlose Hier und Jetzt aufgelöst haben, eröffnet sich der Seele eine unermessliche Freude. Die Erkenntnis dämmert, dass Freude immer in uns gewesen ist, subtil verborgen unter jedem Gefühl, jedem Gedanken und jeder Handlung. Alles, was wir in der Vergangenheit erlangen wollten, sowie jede Erfüllung, die wir momentan zu erreichen suchen, ist bereits im Kern unseres Bewusstseins unser eigen, auch wenn sie nie an dessen Rand gefunden werden kann.

Wie können wir vollkommene Freiheit erreichen? Vor allem müssen wir regelmäßig meditieren in Kontakt mit dem Überbewußtsein zu treten. So lange wir uns mit unserem momentanen und geringeren Wachzustand identifizieren, werden wir nicht fähig sein, uns gänzlich von unserer Peripherie zurückzuziehen, sondern bleiben in unseren Sinnen und nach aussen bezogen verhaftet. Unsere Egos müssen gereinigt werden bis wir, wenn wir die Welt betrachten, ihr nicht mehr unser Ego-Bewusstsein aufdrücken. Dann erst sehen wir alles als Manifestation des einen ewigen Selbst…

Die Wege zu Gott sind zahlreich, obwohl sie immer weniger werden je weiter der Geist nach innen reist. Jeder dieser Wege verlangt letzten Endes, dass man in der ewigen Gegenwart lebt. Einige Suchende erreichen diesen Zustand durch den bereits in diesem Kapitel beschriebenen Prozess: durch schrittweise Auslöschung des Bewusstseins eines “dort” und “dann”. In Indien ist diese Übung als “Neti neti” bekannt: “ Nicht dieses, nicht jenes”. Genau wie man durch immer weiteres Schälen einer Zwiebel schließlich nichts mehr übrigbehält, so entdeckt man durch das schrittweise Auslöschen des “dort und dann” die ewige Gegenwart. Raum und Zeit werden vollständig ausgelöscht. Was bleibt ist das göttliche Bewusstsein.

Es gibt einen anderen Weg diesen zeit- und raumlosen Zustand zu erreichen: Nicht durch die Verkleinerung des eigenen Ego-Bewusstseins bis hin zum Nichts (was durch die Übung der Auflösung - “neti, neti” erreicht wird), sondern indem man es bis zur Unendlichkeit ausdehnt. In diesem Fall wendet man Paramhansa Yogananda’s Beschreibung der göttlichen Vision an: “Überall Zentrum, nirgends Peripherie.”


 
  
 
  

 

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