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365 Tage im Jahr Weihnachten feiern

Dieser Artikel ist von einem Vortrag von Swami Kriyananda in Ananda Italien vom 23.Dezember 1998.

Aus der Fülle des Herzen

Die Mitglieder des Ananda-chors sind nicht nach Ananda gekommen, weil sie Sänger oder Musiker waren, sondern weil sie Gott liebten und dienen wollten. Es ist unglaublich, was für schöne Stimmen sie haben. Das ist die Frucht des Yoga. Eine der ersten Früchte des Yoga ist, dass man eine sanfte Stimme bekommt. Ich glaube, dass diejenigen, die mit diesen Praktiken erst begonnen haben, es an sich selbst festellen werden. Es ist wirklich so, wie Jesus sagte: “Aus der Fülle des Herzens kommen unsere Worte, kommt unsere Stimme”.

Allein durch die Stimme kannst du viel über einen Menschen erfahren. Als ich mit dem Aufbau Anandas begann, gab ich viele Klassen im Norden Kaliforniens, um Geld zu verdienen, so dass ich Land für Ananda Village kaufen konnte. Ich erinnere mich an eine Frau, die mich anrief, weil sie an einem Meditationskurs interessiert war. Allein von ihrer Stimme her konnte ich sagen – ich weiß nicht wie – dass sie Transzendentale Meditation praktizierte. Und in der Tat, nachdem ich eine Weile mit ihr gesprochen hatte, sagte sie mir, dass sie tatsächlich diese Meditationstechnik ausübte. In der Stimme kann man hören, ob jemand ein Yogi ist, vor allem, wenn er Hingabe hat. Aus diesem Grund ist es schön, den Sängern des Chors zuzuhören – sie singen mit mehr Schwingung. Es gibt bekannte Chöre in Amerika, die sehr professionell sind, aber ich bin von ihnen weniger angetan als von unserem. Auch wenn unsere Sänger keine Profis sind, sie singen aus dem Herzen heraus, und diese Art zu singen hat etwas so Süsses an sich.

Gestern abend erwähnte ich bei einem Gespräch etwas, das mich seit Jahren verwundert, nämlich, dass keiner meiner engsten Freunde in meinem Alter ist. Wieso? Leute meines Alters sind alt! Hier ein Beispiel: Ein alter Mann sagt vielleicht: “Ah, das Leben ist hart!” Du erwiderst vielleicht darauf: “Ja, das Leben ist hart, aber man lernt viel, man wächst, und es liegt sogar Freude in den Schwierigkeiten und auch Segen.” Du kannst sagen, was du willst, um mit ihm ins Gespräch zu kommen, aber was ist seine Antwort? “Ja, das Leben ist hart!” Mit solchen Leuten kann man einfach nicht reden. Und zu oft sind sie erst 20 Jahre alt und reden bereits so.

Ich kannte mal einen Mann, der immer eine bestimmte Melodie sang. Jahre später hörte ich ihn wieder, und er sang immer noch die gleiche Melodie, wie eine kaputte Schallplatte. So ist das Leben zu vieler Menschen. Wir müssen in der Gegenwart leben, im jetztigen Augenblick. Wir müssen immer wieder kreativ sein, in allem was wir tun, um aus jedem Moment einen neuen Moment zu machen. Dies ist die Lehre von Jesus. Er wurde geboren, um uns das Leben zu bringen, und Er sagte: “Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben und dass sie es im Überfluss haben.” Jesus sagte auch: “Lasst die Toten die Toten begraben”, was bedeutet, dass gewisse Menschen bereits tot sind, ohne es zu wissen. Wir haben die Möglichkeit zu einem Leben, das nicht nur eine blosse Existenz darstellt, sondern von Freude und Dankbarkeit erfüllt sein kann. Das ist die Botschaft von Weihnachten – in einem Bewusstsein zu leben, das unser ganzes Leben verändert.

Die richtige Einstellung

Ich kann sagen, dass ich in diesem Jahr einige wirklich schwierige Erfahrungen hinter mit habe, aber ich bin dankbar dafür, denn so sieht man, dass das äussere Leben nur ein Traum ist, dass es unwichtig ist. Gott gibt uns diese Prüfungen, um uns stärker werden zu lassen. Ausserdem helfen dir diese Prüfungen, Ihn mehr zu lieben, weil es nichts anderes zu lieben gibt. Lohnt es sich wirklich, Dinge zu lieben, die zu Staub werden? Und so sollten uns diese Tests dazu bringen, Ihn immer mehr zu lieben.

Als ich vor einigen Jahren in Griechenland war, betrat ich ein Geschäft und fand dort einige Bilder der Krippenszene. Auf jedem Bild war Maria traurig dargestellt. Ich fragte jemanden: “Wieso ist sie traurig? Sie hat soeben Christus geboren, und das sollte doch ein freudiger Moment sein!” Die Antwort war: “Ja, aber sie weiss bereits, dass Er am Kreuz sterben wird.” Wie absurd! Er hat nicht gelitten, wie ein Mensch leiden würde. Wenn Er auf diese Weise gelitten hätte, wäre es keine Lehre mehr gewesen. Das Schöne dabei ist, dass das Leiden, das er wirklich erfuhr, uns galt. Er litt für unsere Ignoranz, eine Ignoranz, die es möglich machte, Ihn zu kreuzigen. Gott liebt uns, Er will uns helfen und wir weisen Ihn zurück. Das war Sein Leiden. Er hat nicht gelitten, wie ein Mensch leiden würde, der an sich selbst denkt: “Wieso bin ich derjenige, der ans Kreuz genagelt werden muss? Warum hassen mich die Menschen?” Jesus dachte nicht auf diese Weise. Sogar Seine letzten Worte waren: “Vergib ihnen, denn sie sind unwissend. Sie wissen nicht, was sie tun.”

Jesus dachte an andere. Darin liegt Freude, seinem Beispiel folgen zu können und nicht an sich selbst zu denken, sondern ans Teilen. Das Teilen ist wahrscheinlich das Schönste an Weihnachten. Geschenke sind nur Symbole der Liebe, der Freundschaft, der Dankbarkeit – und dafür, sich einer grösseren Realität als der normalen, bewusst zu werden.

“Normal” ist ein Wort, das auf einer höheren Ebene verstanden sein will. Wenn zum Beispiel jemand sagt:” Ich hab einen Fehler gemacht, aber ich bin ja nur ein Mensch”, dann ist meine Antwort: “Nein, du bist noch kein Mensch.” Wirklich Mensch zu sein, bedeutet das Potential des Menschen zu verstehen, und das bedeutet, wie Christus frei in der Seele zu werden. Es bedeutet, als Mann, als Frau, als Mensch verwirklicht zu sein. Sobald wir unser kleines “Ich” vergessen, beginnen wir zu verstehen, dass es ein grösseres “Ich” gibt, das gar nicht anders kann, als zu lieben. Du kannst dann nicht anders, als in Freude leben, denn das ist der ganze Sinn des Lebens.

Gestern habe ich unsere Sänger ein bißchen gerügt, wie sie eines meiner Lieder, “Die Heiligen drei Könige”, gesungen haben. Ich sagte, es wäre besser, wenn sie das nächste mal näher zusammenstehen würden, so dass sie einander hören und die Lautstärke ihrer Stimmen aneinander anpassen können. Einer hat zu laut und der andere zu leise gesungen. Ich denke, das ist auch ein Beispiel für das Leben, wie das Beispiel von dem alten Mann, der sagte, dass das Leben hart sei und auf niemanden hörte. So ist es, wenn jemand nur in seinem Trott lebt, ohne sich der Realität anderer bewusst zu sein. Er hört anderen nicht zu. Er versteht nicht, dass wir alle Teil eines Chores sind, in dem wir gemeinsam singen. Was wir tun, muss das, was andere tun, mit in Betracht ziehen. Dies ist wahrscheinlich die Hauptlektion der Ananda-Gemeinschaft. Es ist eine kooperative Gemeinschaft, nicht in einem politischen oder ökonomischen Sinn, sondern in einem menschlichen Sinn. Wir versuchen miteinander zu arbeiten, die Bedürfnisse der anderen wahrzunehmen und auf andere einzugehen. Selbst jemand, der neu ist, hat vielleicht etwas sehr Tiefes zu geben, das niemand sonst zu geben hat. Gott kann selbst durch Grillen, Hunde und alles sprechen. Gott benützt viele Dinge, viele Instrumente, um Seiner Stimme Ausdruck zu geben.

Die Einstellung von Weihnachten

Diejenigen von euch, die nicht hier leben, können vor allem diese Einstellung mit nach Hause nehmen. Ich will nicht, dass ihr nach Hause geht und denkt: “Oh, in Ananda Italien ist es so schön, aber leider kann ich im Moment dort nicht leben; und die Realität dort ist eine ganz andere als diejenige, in der ich leben muss.” So muss es nicht sein. Was du hier bekommst, muss nicht die Erinnerung an einen schönen Tempel, nette Leute, gutes Essen, schöne Lieder etc. sein. Nimm vor allem die Ideale der Menschen mit, das Miteinander-kooperieren, das “Aufeinander-hören”, und das Verständnis, wie Jesus es lehrte - dass Er in jedem ist. Wenn jemand leidet, ist es Er, der in dieser Person leidet. Wenn du jemandem zu Essen gibst, gibst du Ihm Nahrung, nicht nur irgend einer Person, denn Er ist in allen. Wir können Gedanken wie diese pflegen: “Ich lebe mit Christus, ich lebe mit den Meistern, ich lebe mit Gott.” Jeder ist ein Teil davon. Auch wenn wir von ignoranten Menschen umgeben sind, macht das nichts, denn sie sind schlafende Engel. Wir müssen sie respektieren, auch wenn sie uns nicht respektieren. Man fühlt sich so glücklich, wenn man liebt und so unglücklich, wenn man nicht liebt. Deswegen ist es gut, selbst aus egoistischen Gründen, jeden zu lieben, mit allen zu teilen, jedem zuzuhören und alle zu respektieren.

Dies hab ich auch in Geschäften festgestellt, in denen die Leute nur einen Gedanken hatten: “Wieviel wird dieser Mann wohl ausgeben?” Wenn du dann respektvoll bist und denkst, dies ist mein Freund, dann ändern sich die Leute, sie werden nett und warmherzig. Höre also anderen zu und erlaube ihnen, das zu sagen, was sie sagen wollen. Wenn jemand sich dumm anstellt, respektiere ihn aufgrund der Tatsache, dass in ihm das Potential steckt, sich nicht dumm zu benehmen und dass er langsam zu größerem Verständnis gelangen wird.

Anstatt alt zu werden, sollten wir ewig jung sein, in der Freude Christi und in der Freude Gottes, gemeinsam mit ihnen singen und wissen, dass jeder Mensch seine Rolle zu spielen hat. Wenn du mit anderen kooperierst, wirst du sehen, dass dieses wunderbare Weihnachten, das wir jetzt erleben, das ganze Jahr andauern wird. Die Botschaft des Weihnachtsfestes ist vor allem dies: Weihnachten ist nicht nur am 24. Dezember, sondern es kann an 365 Tage im Jahr gefeiert werden. Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr dieses Bewußtsein von Ananda mit nach Hause nehmt: dass ihr euch jeden Tag eures Lebens an Ananda erfreut.


 
  
 
  

 

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Ananda liegt in der beschaulichen umbrischen Hügellandschaft, an der Strada Statale 444 zwischen Assisi und Gualdo Tadino. Es ist in Europa das größte Retreat-Zentrum für die Lehren Yoganandas.

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