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Leben im Fluss von Gurus Gnade
Dies ist ein Auszug von einer Rede von Swami Kriyananda
vom 12. September 1998 in Ananda Italien.
Einstimmung 
Während ich den 50. Jahrestag meiner Schülerschaft feiere,
scheint es mir, daß 50 Jahre nicht wirklich ein bedeutsamer Zeitraum
sind. Es ist kaum eine Sekunde im Leben einer Seele. Wenn du einen Berggipfel
von unten betrachtest, erscheint er dir sehr hoch. Fliegst du aber in
einem Flugzeug in 10.000 Meter Höhe, scheint der Berg nicht größer
als ein kleiner Erdklumpen zu sein. Wenn wir unser Leben betrachten, tun
wir das aus einer menschlichen Sichtweise heraus, aber aus Göttlicher
Sicht haben wir noch einen langen Weg zur Unendlichkeit zu gehen.
Vor vielen Jahren, als ich noch bei SFR war und meine ersten Vorträge
hielt, fragte ich mich, was das alles für einen Sinn hat? Man steht
da vorne und redet, aber die Menschen gehen nach Hause und vergessen,
was man gesagt hat. Ab und zu erkannte ich, daß sich, aufgrund einer
meiner Äußerungen, das Leben eines Einzelnen veränderte.
Ich fing an zu begreifen, daß ich das Referieren ernst zu nehmen
habe, da es Gutes bewirkte. Ich dachte es läge an meinem schlechten
Karma, daß ich Vorträge halten mußte, während die
Schüler mit gutem Karma zu Hause bleiben und meditieren konnten.
Nach ungefähr sechs Jahren wurde mir die Leitung der Hollywood Church
übergeben und ich dachte Jetzt muß ich mich aber wirklich
an die Arbeit machen.
Einmal hatte ich keine Zeit, mich für die Sonntagsmesse vorzubereiten.
Ich erschien ziemlich unvorbereitet und war gezwungen aus meiner inneren
Inspiration heraus zu sprechen. Danach war ich erstaunt, daß mehr
Menschen als sonst mir mitteilten, wie sie den Gottesdienst genossen hatten.
Nach einigen Monaten passierte wieder dasselbe. Ich hatte wieder keine
Zeit mich vorzubereiten und mehr Leute als sonst teilten mir mit, wie
sehr ihnen meine Ansprache gefiel. Ich dachte: Mein Gott! Wenn die
Menschen es so sehr schätzen, wenn ich unvorbereitet bin, warum all
die unnötige Mühe der Vorbereitung? Von da an bereitete
ich meine Vorträge nicht mehr auf die übliche Weise vor. So
sprach ich nur aus meiner Inspiration heraus und aus meiner Einstimmung
auf den Meister. Ich erkannte, daß der Meister eine Fähigkeit
hat, die ich nicht besitze. Wenn ich ihm meine Reden übergab, hatte
ich plötzlich wunderbare Einsichten. Gedanklich lehnte ich mich zurück
und dachte Ich wünschte, ich hätte daran gedacht,
denn ich hatte nicht daran gedacht. Es wurde mir einfach eingegeben. Dieses
Beispiel zeigt eine wichtige Wahrheit auf, die ich während meiner
Jahre auf dem spirituellen Pfad erkannte. Es ist genau, wie ich jetzt
Schülerschaft definiere.
1950 ermutigte mich Meister in dieser Richtung, als er mir sagte: Deine
Arbeit ist das Schreiben und Vorträge halten. Ich dachte an
seine Bücher und fragte: Aber, ist nicht schon alles Notwendige
niedergeschrieben worden? Er schaute mich sehr verblüfft an
und sagte: Sage das nicht. Viel mehr ist notwendig.
Die Rolle des Schülers
Während all dieser Jahre, verbrachte ich einen Großteil meiner
Zeit damit, über Meister zu meditieren, um auf einer tieferen Ebene
zu verstehen, was er gesagt und getan hat. Darauf habe ich mich mein ganzes
Leben lang konzentriert. Alles, was ich getan habe, ist aus dem heraus
entstanden, was uns Meister gegeben hat. Ich habe nichts Neues hinzugefügt.
Jedoch besteht die Rolle eines Schülers nicht darin, nur über
den Guru zu sprechen, oder eine Schallplatte zu sein und die Worte des
Guru zu wiederholen, ohne ihre Bedeutung wirklich zu verstehen. Wir müssen
ständig versuchen, die Worte tiefer zu begreifen, und ihre Bedeutung
in unser Leben zu integrieren. Dies ist die Basis für unser Wachstum.
Je tiefer ich in Meisters Werk eintauchte, desto mehr erstaunte mich die
Tragweite seiner Mission.
Seine Fähigkeit, das menschliche Bewußtsein anzuheben, ist
weitaus grösser als bei jedem anderen spirituellen Lehrer, den ich
kenne. Allerdings habe ich mich in keine dieser anderen Lehren so vertieft
wie in diese. Trotzdem, nirgendwo ist mir eine Lehre begegnet, auch nicht
in der Geschichte, die in ihrem Umfang so weitreichend ist und das Potential
hat, eine ganze Ära zu verändern.
Die Richtung, in die mich der Meister ermunterte war: mich durch Schreiben
und Vorträge halten kreativ auszudrücken. Ich erinnere mich
an einen Mitschüler, der neidisch war auf meine Kreativität,
ich aber war neidisch auf seinen Mangel an Kreativität. Ich sehnte
mich danach ein bescheidener Devotee zu sein, der einfach nur Gott liebt
und niemals über weitgreifende Sinnzusammenhänge nachdenken
muß. Ich wurde durch meine eigene Natur dazu angetrieben kreativ
zu sein. Ich konnte gar nicht anders sein.
Aber was ich hier hervorheben möchte, hat nichts mit mir oder meinen
sogenannten Talenten und Fähigkeiten zu tun. Ich erkannte,
daß mir durch das Einstimmen auf den Meister plötzlich Dinge
möglich waren, die ich nie allein hätte tun können. Dies
gilt für alles, was ich je erreicht habe. Wenn ich eine Rede halte,
kann ich mich oft danach nicht mehr erinnern, was ich gesagt habe, da
ich es Gott zurückgegeben habe. Es ist nicht mein Talent. Ich stimme
mich nur auf den Meister ein und bitte seinen Geist für mich zu handeln.
In dem ich so vorging, war ich immer wieder fasziniert von der außergewöhnlichen
Tragweite dieses Geistes und seines Verständnisses für die Bedürfnisse
dieser besonderen Zeit. Die Dinge, über die er seinerzeit sprach,
wären vor zweihundert Jahre so nicht anwendbar gewesen. Auch nicht
für die weiterzurückliegende Zeit des Shankaracharya, aber es
war genau richtig für die jetzige Zeit. Deshalb bezeichne ich ihn
als den Avatar des Dwapara Yuga, zumindest für den Anfang des Dwapara
Yuga, in das wir jetzt eintreten.
Durch denselben Prozess, dem Einstimmen in Meisters Bewußtsein,
entstand Ananda. Ich weiß wirklich nicht, wie ich es geschafft habe,
da ich meiner Meinung nach, der Letzte bin, den ich gewählt hätte,
um eine Gemeinschaft zu gründen. Ich bin kein Typ für Gruppen.
Ich muß tief in mich eintauchen können, um Lösungen zu
finden, ohne darüber mit einer Gruppe zu sprechen.
Ich muß allerdings zugeben, daß wir auch innerhalb einer Gruppe
in den Kern einer Sache vordringen können. Ich habe dies in Gruppen
beobachtet, in denen wir eine gemeinsame Lösung finden mußten.
Auch in diesem Prozeß kannst du dich auf den Kern der Wirklichkeit
einstimmen und spüren, daß Meisters Führung in der Gruppe
wirkt. Es ist nicht so, daß wir bei Entscheidungen in Ananda immer
einer Meinung sind, aber wir können immer eine objektive Wirklichkeit
finden, die über unsere individuellen Perspektiven hinausgeht.
Schülerschaft
Ich bin nicht immer einverstanden, nicht einmal mit mir selbst. Ich stelle
stets die Dinge in Frage, die ich gedacht oder geschrieben habe. Tatsächlich
müssen meine Bücher und meine Musik im Stande sein für
mich zu stehen und zu sprechen. Sie müssen sich selbst beweisen.
Im kreativen Prozeß frage ich mich stets: Moment mal, funktioniert
das wirklich so?
In Gruppensituationen mag es Fragen, Debatten und verschiedene Standpunkte
geben, aber es geschieht immer im Geist der Einheit und in dem Bewußtsein,
daß wir das gemeinsam tun. Es herrscht die Einstellung vor: Laßt
uns zum Ganzen beitragen, anstatt alles zu zerreden. Laßt uns hier
nicht grollend sitzen und behaupten, daß es nicht funktionieren
wird, sondern laßt uns Antworten finden.
Es gibt zwei Hauptgründe für diesen Geist der Einheit. Der Erste
ist, daß wir uns fragen: Was wird gebraucht? Was nützt
jedem von uns? und nicht Was möchte ich?
Der Zweite ist: Was möchte Gott? Mit anderen Worten,
in allem was du tust, versuche ein Kanal für Gottes Energie zu sein.
Du kannst nicht hier sitzen und auf eine Stimme aus dem Jenseits warten,
auf diese Weise funktioniert es nicht. Zuerst mußt du die Einstimmung
mit Gott spüren. Versuche Seine Gegenwart wahrzunehmen, Seine Liebe
oder Freude. Dann übergebe deine Gedanken dem Göttlichen. Wenn
es sich nicht richtig anfühlt, weißt du, daß es nicht
richtig ist. Wenn es deine Inspiration, die von deinem Überbewußtsein
und deiner Einstimmung kommt, vergrössert und damit harmoniert, dann
weißt du, daß es richtig ist.
Letztendlich, wenn ich auf all diese Dinge zurückblicke, die ich
in den fünfzig Jahren meiner Schülerschaft getan habe, erkenne
ich, daß es nur auf eine Sache ankommt; auf unsere Liebe zu Gott.
Das Erstaunliche am Leben ist, daß es uns wiederholt alle Arten
von Nöten, Tragödien und Schwierigkeiten bereitet. Wenn wir
dann nach vielen Jahren zurückblicken, stellen wir fest, daß
alles gut war. Wäre die Tragödie nicht passiert, wären
wir in einer Sackgasse steckengeblieben, aus der wir nicht mehr herausgekommen
wären.
Wir müssen das Vertrauen in Gott entwickeln, da wir alles was uns
widerfährt, dankbar akzeptieren, ob es erfreulich oder unerfreulich
ist, es spielt keine Rolle.
Wie oft rebellieren wir und denken Oh, warum möchte Er das?
Alles, aber nur nicht dies! Wenn wir aber darauf vertrauen
wie ein Surfer, der mit der Welle fließt daß er unser
Leben führt und uns begleitet, erst dann können wir uns voll
auf das einlassen, was immer Gott uns geben mag.
Schenke Ihm vorbehaltlos dein Leben und laß Ihn die Arbeit tun.
Glaube nicht, daß du die Welle kontrollieren mußt, denn das
kannst du nicht. Arbeite aus deiner eigenen Mitte heraus, oder in einer
Gruppensituation arbeitet vom Zentrum der Gruppe heraus. Arbeite nicht
selbstbezogen oder getrennt von den Anderen, denn dann kommt das Ego ins
Spiel. Bringe jeden Zweifel immer wieder zurück zu deiner eigenen
Mitte, zurück zur Mitte der Gruppe und vor allen Dingen zu Gott im
Innersten. Dann beginnst du zu erkennen, daß alles irgendwie glatt
läuft, obwohl du vielleicht nicht verstehst warum und wieso. In der
Tat mußt du gar nicht begreifen wie es funktioniert, da das Göttliche
Wirken in unserm Leben immer richtig ist. Die praktischen Details werden
von einer anderen Ebene aus geregelt. Je mehr wir uns darüber sorgen
und die Stirn runzeln, wie etwas funktionieren soll, desto mehr stören
wir diesen Fluß.
Was habe ich also gelernt in den fünfzig Jahren meiner Schülerschaft?
Vor allem habe ich eine Sache gelernt: daß es mein einzigstes Ziel
bleibt, ein immer besserer Schüler zu werden. Ich hoffe, daß
an dem Tag, wenn ich meinen Körper verlassen werden, Meister zu mir
sagen wird: Gut gemacht, Walter!
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