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Die Wissenschaft des Kriya Yoga
Aus einem Vortrag von Swami Kriyananda in Ananda Italien im Sommer 2000
Die Wichtigkeit der Techniken 
Eine der Schwierigkeiten, die wir im Westen beim Studium Indiens und
des Yogas haben, liegt in der Existenz einer Tradition von Meditationstechniken,
die es in der westlichen, christlichen oder jüdischen Religion nicht
zu geben scheint.
Wenn wir uns mit der Tradition beschäftigen, wie sie sich in Indien
über Jahrhunderte hinweg entwickelt hat, dann fragen wir uns: Warum
Techniken benutzen? Ich will einfach nur lieben! Aber wir werden
feststellen, dass, wenn man irgendetwas ohne Methode und ohne Inspiration
tut, es einem auch nicht gut gelingt. Nimm zum Beispiel die Schreibmaschine
oder den Computer: Wenn du das Zehnfingersystem nicht beherrscht, dann
wirst du dein ganzes Leben lang mit zwei Fingern herum hacken. Es ist
viel leichter, wenn du mit System schreiben kannst. Es dauert sonst Jahre,
um ein Gedicht oder einen Roman zu schreiben, was du sonst in wenigen
Monaten tun könntest. Ohne den Gebrauch einer Technik wäre dies
nicht möglich.
Insofern sind Techniken für alles, was man tut, notwendig. Wenn du
versuchst, ein großer Pianist zu werden, dann kann ich dir versichern,
dass du lernen musst, wie man dazu die Finger bewegt. Als ich begann,
Musik zu komponieren, fiel mir das etwas schwer, denn ich hatte nie Komposition
studiert. Es wäre leichter gewesen, hätte ich es gelernt (andererseits
war es vielleicht auch ein Vorteil, weil ich so die Akkorde aus mir heraus,
in meinem Inneren verstehen musste aber das ist ein anderes Thema).
Das Gleiche gilt auch für Yoga, das für den Menschen nichts
Fremdes ist. Jeder könnte es aus seinem Inneren heraus entdecken,
sogar die subtilsten Elemente des Yoga aber wer macht das schon?
Selbst unter den Heiligen taten es nur Wenige, da normalerweise dazu eine
Tradition nötig ist; und hier im Westen hat es nur vereinzelt hier
einen Heiligen, dort eine Heilige gegeben, die verstanden hatten, wer
Gott ist und wie man zu Ihm kommt, und die sogar über Samadhi geschrieben
haben.
Die ersten Christen benutzten Techniken und schrieben darüber
Der Hl. Bernhard hat den Zustand der Ekstase beschrieben, und gesagt,
dass man das eigene Selbst nicht verliert, wenn man mit Gott vereint ist.
Es ist wie bei einem Tropfen Wein, der in einen großen Wasserkelch
gegeben wird: Man sieht den Wein nicht mehr, aber er ist da genau
wie die Seele, wenn sie mit dem Geist verschmilzt. Sie verliert nicht
das Bewusstsein, sie verliert nicht das Gefühl von sich selbst, vergrößert
aber ihre Wahrnehmung und nimmt sich als das Unendliche wahr. Die Hl.
Theresa von Avila sagte, dass man in der Ekstase in einem Augenblick all
das begreift, wozu ein Schriftgelehrter oder ein rein intellektueller
Wahrheitssucher Jahre bräuchte.
Auch die ersten Christen haben verschiedene Methoden oder Techniken angewandt
und darüber gesprochen. So wiederholten sie zum Beispiel beim Einatmen
Herr Jesus Christus, und beim Ausatmen habe Erbarmen
mit mir. Dies übten die Mystiker in Griechenland. Sie hatten
eine Tradition von Atemtechniken. Jemand las in einer Schrift aus jenen
Jahrhunderten, dass, wenn man während des Einatmens sagt: Herr
Jesus Christus man eine kühle Strömung in der Wirbelsäule
nach oben steigen fühlt, und beim Ausatmen eine absteigende, warme
Strömung. Wie du daraus ersehen kannst, gibt es hier eine Verbindung
zu der Technik des Kriya.
Als Jesus zum Beispiel seinen Körper verließ, bewegte er den
Kopf wie bei einer Technik des Kriya Yoga. Und wenn du in der Autobiographie
eines Yogi liest, dass Lahiri Mahasaya sich als letztes vor seinem Tod
dreimal um sich selbst drehte, dann erkennst du, dass alles dies Yoga
ist.
Man könnte sich fragen, wo in der Bibel noch Yoga-Zitate versteckt
sind. Eines davon stammt von Jesus. Alle Christen kennen es und wiederholen
es in jeder Sonntagsmesse: Liebe Gott mit ganzem Herzen, mit ganzer
Seele, mit ganzem Verstand und mit ganzer Kraft. Doch was ist diese
Kraft? Wie kannst du anbeten, wie lieben mit deiner Kraft? Kraft ist Energie.
Aber wie kannst du mit deiner Energie lieben? Außer zu arbeiten
und Ihm deinen Dienst darzubieten, gibt es nur eine Art, Gott mit deiner
Energie anzubeten und das ist eine sehr subtile Sache: Wenn du meditierst,
dann spürst du etwas, was automatisch zu dir kommt auch ohne
Technik. Aber es ist leichter zu spüren, wenn du eine Technik kennst.
Dann merkst du, dass die Energie vom Körper und von den Sinnen abgezogen
wird (welches dir erlaubt, Gottes Liebe zu fühlen). Jeder, der diese
tiefe, intensive Liebe zu Gott im Herzen fühlt, beginnt zu weinen,
weil es eine so kraftvolle Erfahrung ist!
Man muss verstehen, dass es nötig ist, die Energie zu beruhigen und
vom Körper ab zu ziehen, und sie zum Christuszentrum hin zu leiten.
Dann wird diese Liebe sich nicht in Emotionen verlieren, sondern sich
ins Unendliche ausdehnen. Dies ist eine Erfahrung, die alle Heilige hatten.
Sie nennen es nur nicht Yoga, weil sie dieses Wort nicht kennen. Wichtig
für uns im Westen ist, uns zu erinnern, dass wenn wir über Yoga
sprechen, (insbesonders über Yoganandas Mission) dass die Praxis
dieser Techniken zentral und grundlegend ist. Es geht nicht nur darum,
in die Stille einzugehen, sondern in die richtige Art von Stille. Es muss
eine gedankliche Stille sein, eine Stille der körperlichen Energie,
und vor allem eine Stille der Seele. Und das erreicht man nicht einfach
mit einer vagen Praxis des sogenannten In-die-Stille-gehens.
Es gehört viel mehr dazu.
Wenn du übst, denke nicht: Dies ist also der technische Teil
der Meditation, denn am Ende wirst du sehen, das Freude in dem steckt,
was du tust es ist nicht nur eine rein mechanische Sache. In der
Meditation solltest du jedoch nicht nach dem Praktizieren der Techniken
denken: Wunderbar, jetzt kann ich richtig meditieren! Nein,
auch dies ist Meditation! Deshalb, tu was immer du tust, mit Freude, tu
es mit Energie, und du wirst Erfolg haben!
Martha und Maria
Das Neue Testament erzählt die Geschichte von Maria und Martha,
in der sich Martha bei Jesus beklagte, dass Maria meditierte, während
sie selbst zu arbeiten hatte. Doch Jesus wies sie zurecht und sagte: Martha,
warum sorgst du dich, Maria hat den richtigen Teil gewählt.
Doch was ist der richtige Teil? Er ist nicht das, was die Leute normalerweise
denken, dass es nämlich in der katholischen und anderen Kirchen Mönche
und Nonnen gibt, die die Aufgabe haben zu arbeiten, in Schulen,
Krankenhäusern usw., wogegen Andere kontemplativ sind, wie zum Beispiel
in Camaldoli, die nur die Aufgabe haben, für andere zu beten.
Auf diese Weise haben sie beide Dinge aufgeteilt, und es ist gut, beide
zu haben. Ich will nicht sagen, dass es nicht so sein sollte, jedoch will
ich auch nicht sagen, dass Jesus meinte, die Kontemplativen seien im Recht
und die anderen hätten Unrecht; denn dem ist nicht so. Beide sind
ein und dasselbe.
Er wies Martha nicht zurecht, weil sie kochte. Das wäre dumm gewesen.
Er wies sie nicht zurecht, weil sie arbeitete, sondern weil sie arbeitete,
ohne an Gott zu denken, unruhig statt mit Ruhe. Seine Worte: Du
bist zu unruhig, du bist zu besorgt über viele kleine Dinge
bedeuteten nicht, dass sie diese Dinge nicht tun solle. Er sagte nur:
Sorge dich nicht, wenn du arbeitest, arbeite in Frieden, arbeite
mit deinen Gedanken bei Gott, arbeite verinnerlicht. Auf diese Weise
kannst du sehen, dass die beiden Straßen sich in Wahrheit nicht
unterscheiden, und dass Marias Teil nicht nur der der Meditation
ist. Wer kann schon die ganze Zeit meditieren? Sehr Wenige nur. Die anderen
können es nicht.
Yogananda erzählte, dass er viele Eremiten im Himalaya traf, die
faul wurden, da sie nicht ständig meditieren konnten und dann nicht
arbeiteten. Sie schliefen, aßen und unterhielten sich, und nach
und nach wurden sie körperlich faul, dann geistig, und schließlich
seelisch. Dies ist nicht gut, denn dann fällt man in Versuchung.
Wir müssen mit Energie meditieren. Jesus lehrte, dass man Beides
tun solle: Für Gott arbeiten und mit einem Gefühl von Energie
meditieren. Beide Straßen sind richtig und müssen verbunden
werden, um Gott zu finden. Tu, was du tun musst, was richtig zu tun ist,
aber erinnere dich immer daran, dass die wichtigste Sache immer das bleibt,
was Maria tat, das heißt: Meditieren, in der Stille sitzen, und
zu verstehen, dass das, nach dem du suchst, in dir ist.
Die Kunst des Kriyas
Um wieder auf die Techniken zurück zu kommen: Denke auch, dass Gott
diese durch dich tut.
Auf jedem Weg gibt es auch Nachteile und nicht nur Vorteile. Der Nachteil
des Yoga ist vor Allem der Gedanke, den ich auch bei mir bemerkt habe:
Ich bin das Selbst, ich bin Alles. Also existierst du nicht.
Und dadurch wird man arrogant. Man braucht Zeit, um dahin zu kommen, dass
man Alles versteht. Das ist tatsächlich nicht leicht. Es ist eine
Aufgabe, für die man viele Leben benötigt. Als ich zu Yogananda
kam, war ich etwas stolz auf meine Intelligenz. Dies gefiel mir jedoch
nicht; ich wollte diesen Stolz ablegen und hatte auch einen gewissen Erfolg.
Doch nach Monaten wachte ich eines schönen Morgens mit dem Gedanken
auf: Ach du meine Güte, jetzt werde ich sogar stolz auf meine
Bescheidenheit! Wie kann man sich also aus diesem Labyrinth im Kopf
befreien? Man braucht viel Zeit, um an den Punkt zu kommen, an dem man
sieht, dass wirklich Alles Gott ist.
Deswegen denke in deiner Yoga-Praxis nicht: Ich tue dies. Ich werde
ein großer Yogi! Denn wer ist ein großer Yogi? Ein grosser
Yogi ist einer, der kein Yogi mehr ist. Yogananda sagte einmal: Meine
Feinde sagen, dass ich meine Kräfte verloren habe. Die Wahrheit ist,
ich wusste nicht, das ich jemals welche hatte! Das Geheimnis ist:
Du hast keine Kräfte, Gott tut Alles. Du machst nicht Yoga, Gott
macht es durch dich. Wenn du irgendeine Yogatechnik übst, denke,
dass Gott diese Technik in deinem Körper übt, in deinem Geist.
Du bist nur ein Kanal für Ihn durch den Er es tut.
Wenn du dir zum Beispiel einen guten Musiker anschaust und davon
gibt es Wenige er denkt nicht, dass er etwas tut, sondern er verliert
sich vollkommen in dem, was er tut. Gott agiert durch ihn. Wenn du also
die Techniken machst, denke, dass Er meditiert, dass er Alles tut, auch
in deiner Arbeit, und du wirst sehen, dass Alles viel besser geht.
Wenn du immer mehr in dem Gedanken lebst, dass Gott derjenige ist, der
handelt, und dass du nur Sein Instrument bist, dann wirst du einer der
Wenigen sein, die Ihn nicht nur suchen, sondern Ihn auch kennen. Dies
ist nicht wenig, aber du musst dafür auch dein ganzes Leben widmen.
Auf Grund der Tatsache, dass du Ihn suchst, bist du schon gesegnet. Du
kannst Ihn sogar, wenn du aufrichtig bist, in diesem Leben kennen lernen.
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