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Wofür beten wir?
von J. Donald Walters (Swami Kriyananda)
Freitag, 14. September 2001
Im Fernsehen sah ich heute viele Menschen, die für die Opfer der Tragödie des letzten Dienstag einige Schweigeminuten einhielten. Da ich mich weit weg von diesen Menschen befinde (ich lebe in Italien, nahe dem Geburtsort des Heiligen Franz von Assisi), schloss ich mich ihnen im Geiste an. Später nahm ich im Geist an den inspirierenden Gottesdiensten, die in Washington und anderen amerikanischen Städten gehalten wurden, teil. Der Gedanke, zu einer Nation zu gehören, die sich der Wahrheit und Gott widmet, erfüllte mich mit Stolz.
Während der Schweigeminuten sah ich, wie einige Menschen sich umschauten, als fragten sie sich: „Was soll ich in dieser Stille tun?”. Die Antwort ist natürlich die, zu beten. Ich fragte mich jedoch mit ihnen: Wofür soll ich beten? Sicherlich haben sich viele andere in diesen Tagen die gleiche Frage gestellt.
Es war mir ein grosses Bedürfnis zu beten. Dieses Drama ist aber so unermesslich und komplex, dass ich mich fragte, wie ein Gebet, dem es an klarem Fokus mangelt, irgendeine Wirkung erzielen könnte.
Und dann dachte ich an das Gebet, das dem Heiligen Franz von Assisi zugeschrieben wird: „Herr, mache mich zu einem Werkzeug Deines Friedens.” Und ich erkannte, in solch einer Zeit kann es kein besseres Gebet geben.
Angenommen, Gott erhört unsere Gebete - und Erfahrung überzeugt mich, dass Er es tut - welches Gebet würde Ihn erreichen? Sicherlich hätten einfache Petitionen unter diesen Umständen wenig Kraft. Wenn es Gott gibt - und ich habe nicht den leisesten Zweifel daran - und wenn Er uns liebt (lieben nicht auch menschliche Eltern ihre irrenden Kinder), dann braucht Er sicherlich keine Unterstützung im Lieben von mir! Seine Trauer über das Leiden der Menschen muss unendlich viel tiefer sein als meine. Sicherlich betrachtet und betrauert Er auch den Hass und die Intoleranz der Verursacher dieser Tragödie. Wenn es den Teufel gibt - und ich habe keine andere Erklärung als diese für das Bewusstsein, das menschliche Wesen gegen jegliches Prinzip von Liebe und Wahrheit aufhetzt - dann kann man diese Taten mit keiner menschlichen Motivation rechtfertigen: Sie müssen teuflisch genannt werden.
Wie bete ich also? Bete ich mit Liebe für diejenigen, die so gewaltsam aus ihren Leben gerissen wurden? Bete ich mit Mitgefühl für ihre Familien und Lieben? Bete ich für unseren Präsidenten und die politisch Verantwortlichen? Bete ich mit Wut und dem Wunsch nach Vergeltungsschlägen gegen diejenigen, die uns attackiert haben? Ergründe ich meine Seele um tieferes Verständnis? Bete ich angstvoll für die Zukunft der Welt? Können ein paar Momente des Gebets diese vielen Fragen auch nur in meinem eigenen Geist beantworten? Die Stille und die Gottesdienste waren sehr erhebend, aber sie haben leider auch das Gefühl meiner Hilflosigkeit verstärkt.
Und als ich dann an die Worte des Heiligen Franz von Assisi dachte, merkte ich, dass es etwas gibt, das wir alle tun können: Wir können unsere Herzen im Gebet erheben, in der Bitte, zu wertvolleren Instrumenten für das Licht, die Liebe und die Weisheit Gottes zu werden.
Die Dinge, mit denen wir uns konfrontiert sehen, sind in ihrem völligen Anderssein verwirrend. Trotzdem gibt es eines, das klar aus ihnen hervorgeht: Sie sind weit grösser, als alle menschlichen Wesen zusammen. Die Menschheit ist gefangen in einem Kampf zwischen Gut und Böse: Zwischen Gott (definiere Ihn, wie du magst) und dem Teufel (definiere auch ihn, wie du magst). Es ist ein Kampf zwischen Licht und Dunkel, zwischen Glaube und dem Versuch, Glauben in allem zu zerstören. Wenn wir dem Hass mit Wut und dem Fanatismus mit Intoleranz begegnen, entwickeln wir in uns die gleichen Emotionen, die für diese Katastrophe verantwortlich waren. Auf der anderen Seite haben wir nicht die spirituelle Pflicht, diese Terroristen zu lieben. Es genügt, dass wir Gott lieben. Wir mögen diejenigen, die Böses tun, als Seine Kinder lieben, aber Vergebung und Erlösung spielen sich zwischen der Seele und Gott ab. Unsere Sorge, und so sollte es sein, gilt denjenigen, denen dieses Leid zugefügt worden ist.
Wir schulden es uns und allen menschlichen Wesen, unser Möglichstes für das Gute zu tun. Unsere Pflicht ist, entschlossen und sogar streng zu handeln, um das Böse daran zu hindern, sich auszubreiten - so wie bei einem Waldbrand eine Reihe von Bäumen für eine Schneise gefällt werden müssen, damit sich das Feuer nicht ausbreiten kann. Keine der heiligen Schriften rät zu Rückratlosigkeit. Es genügt, dass wir uns nicht in den gegen andere hineinziehen lassen. Unsere Sorge muss der Bedrohung gelten, die ihre Handlungen auf den Rest der Menschheit ausüben.
Wofür soll ich beten? Ich bete darum, ein immer klarerer Kanal für die Gnade Gottes zu werden. Ich bete auch für meine Mitmenschen, dass sie in Gottes Licht wachsen.
Der wirkliche Krieg heute ist kein militärischer. Er ist ein Konflikt zwischen Glaube und der Verneinung jeglichen Glaubens, zwischen Liebe und Hass. Dieser Krieg kann gewonnen werden, wenn Millionen Menschen sich anbieten, Kanäle für Gottes Wahrheit und Gerechtigkeit zu werden. Jeder von uns hat die Kraft dazu.
Jeder von uns hat die Kraft, zu Gott zu beten: „Herr, gebrauche mich! Lass mich ein Kanal für Deine Liebe für alle sein.” Göttliche Liebe ist eine gewaltige Macht. Sie unterwirft sich nicht schwächlich dem Bösen, sondern widersetzt sich ihm mit der Macht, es gänzlich zu zerstören. Wenn dies möglich ist, wird es in ähnlich gesinnte Liebe verwandelt, aber wenn nötig, schlägt sie auch eine Schneise durch den Wald, um unzählige andere Bäume zu retten. Wenn wir verstehen, dass wir durch die richtige Art zu lieben Gottes Liebe zum Ausdruck bringen, kann Er durch uns das Bewusstsein der Welt anheben. Denn Er wirkt durch Werkzeuge.
Ein Meer besteht aus unzähligen Tropfen. Obwohl ein einziger Regentropfen der Erde sehr wenig Feuchtigkeit zuführt, fliesst er, vereint mit anderen Tropfen, als mächtiger Fluss zum Meer. Wenn wir in Gottes Willen vereint sind, können auch wir Grosses im Kampf zwischen den Kräften des Lichts und des Dunkels beitragen. Indem wir auf die richtige Weise beten und handeln, können wir vielleicht helfen, eine Zeit internationalen und interreligiösen Friedens und Verständnisses einzuleiten.
Gebet des Heiligen Franziskus: Herr, Mache mich zum Werkzeug Deines Friedens.
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